Ich bin fassungslos. Seit Minuten starre ich meinen Monitor an und versuche zu verstehen, zu greifen, was hier passiert. Was ich gerade gesehen habe. Mir fehlen die Worte und mein Herz blutet, es weint, ich weine. Tränen des Schocks, des Mitgefühls, der Fassungslosigkeit rinnen mir die Wangen herunter. Wie sind wir nur hier her gekommen?

Dabei hab ich das schockierende Tondokument in der gestrigen "Rachel Madow Show" übersprungen. Mein Herz hielte es nicht aus, zu hören, wie ein sechs jähriges Mädchen einen Wärter anfleht, seine Tante anzurufen, denn ihre Mammi hätte ihr gesagt, ihre Tante käme um sie schnell mitzunehmen. Ich vermute, die Mutter sagte dies dem Mädchen, als sie getrennt wurden, um die Trennung weniger schlimm zu machen.

Meine Tochter ist fünf. Ich schaue sie an und stelle mir vor, es passierte ihr. Es ist für mich schier unmöglich nur darüber zu lesen.

Ich bin den USA sehr verbunden

Mit jungen 18 wollte ich unbedingt mal in die USA. Nicht nur Urlaub machen, sondern für Monate, vielleicht Jahre, um dort zu leben. In meinem Zimmer hing das "Stars Spangled Banner" an der Decke über meinem Bett. Die USA, das Land der Freiheit – zumindest in meiner jugendlich-romantischen Sicht auf die Welt.

Die Gelegenheit in die USA zu reisen sollte sich mir erst viel später bieten. Ich erinnere mich ans Silicon Valley, als ich in San Jose im "Gordon Biersch" Bier genoß, von dem ich mir wünschte, ich könne es auch zuhause kaufen und trinken.

San Francisco hab ich gesehen, bin am Crissy Field im Sand gelaufen und hab Fotos der Golden Gate Bridge gemacht. Ich wandelte über den Standford-Campus und küsste ehrfürchtig den Boden auf dem Campus der Berkeley University. Das Berkeley-T-Shirt ist mittlerweile verschlissen, aber es liegt noch in meinem Schrank.

Oder die vielen Male, die ich im Hudson Valley in New York verbrachte. Ich hab dort das berühmte Woodstock-Feld gesehen, schlenderte durch den Showroom im Hauptquatier der "Orange County Chopper" und berührte – verbotener Weise – ein der ausgstellten Chopper.

Im Winter fuhr ich zum Fotografieren an den Lake George. Die Landschaft war atemberaubend. Nicht mehr weit bis zur Kanadischen Grenze. Ich hatte bei einer meiner "ich fahr frei herum und fotografiere was ich finde"-Touren zufällig die "Franklin D. Roosevelt National Historic Site" in Hyde Park gefunden. Ein beeindruckendes Anwesen eines nicht weniger beeindruckenden Mannes.

Und natürlich: New York City – die Stadt die niemals schläft. Ich hab sie gesehen, hab Manhatten vom Columbus Circle am Broadway (gleich neben dem Central Park) zum Battery Park durchschritten, in Greenwich Village den besten Hot Dog der Stadt gegessen. Ein anderes Mal, als ich morgens um 6 Uhr mit dem Flieger aus Californien kam und zwölf Stunden Aufenthalt hatte, nahm ich die Bahn nach Manhatten, bin auf die Fifth-Avenue, hab mir an der nächsten Ecke was zu Essen geholt und mich vor Tiffany's gestellt: "Breakfast at Tiffany's".

Und natürlich hab ich den Trump-Tower gesehen. Naja, musste nicht gesehen haben. Ein Wolkenkratzer von vielen. Kuck Dir lieber das Empire State Building an oder Rockefeller Plaza gleich neben der berühtem Radio City Music Hall.

Durch die vielen Reisen in die USA verbindet mich mit diesem Land aber auch mehr als nur Sight Seeing und Essen. Ich habe dort viele Menschen kennengelernt, mit ihnen über viele Jahre gearbeitet. Teils bis tief in die Nacht versuchten wir die Maschinen zum Laufen zu bekommen. Manche dieser Menschen wurden über die Zeit mehr als Kollegen, sie wurden zu Freunden. An Thanksgiving erlaubten mir diese Menschen nicht, einfach allein einen freien Tag im Hotel zu genießen – sie luden mich zu sich nach Hause ein und teilten mit mir ihr Essen und den wundervollen Abend. Und ich bereute es nicht.

Über die Distanz vermeide ich das Thema Politik. Daher weiß ich nicht, wie sie über den Sieg Trumps denken. Aber so wie ich sie kenne, vermute ich, waren sie genauso erschrocken wie ich als er gewann. Und so wie ich sie kenne, vermute ich, sind sie jetzt genauso fassunglos und nehmen ihre Kinder jetzt wahrscheinlich noch ein wenig öfter in den Arm.

Quo vadis, USA?

Und nun, 515 Tage nach Trumps Amtseinführung ist dieses Land, mit dem mich so viel verbindet, an einem Punkt angekommen, der mich fassungslos macht, wie es soweit nur kommen konnte, dass der Faschismus auch und gerade in den USA seine Auferstehung feiert. Wie anders soll man es nennen, wenn Menschen anderen Menschen und besonders Kindern dieses seelische Leid antun, gewaltsam von ihren Eltern getrennt zu werden? Wie anders soll man es nennen, wenn unmenschliches Handeln wieder mit "nur Befehle ausführen" vor sich selbst irgendwie gerechtfertigt wird?

Wie kann jemand, der dazu noch selbst Kinder hat, es zulassen, dass Eltern an der Grenze ihre Kinder aus den Armen gerissen, sie getrennt von ihnen in Camps gesperrt werden? Wie kann jemand, der auch nur minimal im Besitz seiner geistigen Kräfte ist, diese Praxis im Press Briefing als rechtens und notwendig verteidigen? Es ist himmelschreiend unmenschlich. Diese Kinderseelen mit dem Vorschlaghammer zu zertrümmern um Exempel zu statuieren. Ich rede nicht von – rationaler oder irrationaler – Politik. Ich rede nicht von Trumps alles zerstörenden Art, seinen Willen durchzusetzen. Ich rede von einem Rest Menschlichkeit.

Das sind Kinder, himmelherrgottnochmal. Kinder! Hier werden Kinder- und Elternseelen missbraucht um eine politische Agenda zu erpressen.

Diese Unmenschlichkeit zerstört ihre Seelen auf lange, lange Zeit, wenn nicht gar für den Rest ihres Lebens. Unmenschlichkeit – das Wort ist noch viel zu positiv! Menschen die anordnen, tausendfach Eltern die Kinder und Kindern die Eltern zu entreißen und die Kinder in Käfige in Zelten zu sperren haben keine Skrupel, haben keinen Rest von Menschlichkeit, sind für mich keine Menschen mehr.

Der Huston Chronicle berichtet, Eltern würden von ihren Kindern getrennt, über Monate eingesperrt und dann ohne ihre Kinder abgeschoben. Keine Information, wie es den Kindern gehe, nichts. Was anderes sind das, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Die Trump Administration sollte vor den Internationalen Gerichtshof gezerrt werden und sich für ihre Verantwortung rechtfertigen.


Eigentlich wollte ich meiner Tochter eines Tages mal dieses wunderschöne Land zeigen, ihr die Plätze zeigen die mich beeindruckt hatten und neue Plätze für uns, für unsere Erinnerung, entdecken und zusammen mit ihr und meiner Frau genießen.

Ihr die Menschen vorstellen, die mir über die letzten Jahre ans Herz gewachsen sind. Aber gerade weiß ich nicht, ob ich überhaupt jemals wieder in dieses Land reisen möchte.

Meine Gedanken sind mit den Kindern und mit ihren Eltern, die nicht wissen wie und wann sie sich wieder sehen.